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Bereits die Gründung von Adelante e. V. geht auf die Aufdeckungen von institutionellem Missbrauch im Skandaljahr 2010 zurück. 2018 wurde das Adelante-Mitglied Jörg Jaegers vom Vorsitzenden des Eckigen Tisch Bonn, Heiko Schnitzler, eingeladen, am Tag der Unabhängigen Missbrauchskommission des UBKSM Johannes Wilhelm Rörig zum Thema „Missbrauch in den Kirchen“ teilzunehmen. An diesem 26.06.2018 brüllte ein ehemaliges Heimkind aus Oberammergau seine Leidensgeschichte in den Raum. Jaegers nahm Kontakt zu diesem Betroffenen auf und öffnete mit diesem Schritt Adelante für die Arbeit mit ehemaligen Heimkindern.

Jaegers lernte noch im Sommer 2018 einen weiteren Betroffenen kennen, der im Dezember 2020 mit seinem gewonnenen Verfahren nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) in allen großen Zeitungen der Bundesrepublik als tausendfach Missbrauchter im Kinderheim der Niederbronner Schwestern in der Engelsgasse in Speyer bekannt wurde. Der Kreis erweiterte sich, als Jaegers im Herbst 2018 in Tutzing an einer Tagung zu den Heimkindern teilnahm. Während dort das Ende des Heimkinderfonds begangen wurde, kam dort eine Gruppe zustande, die fortan an der Aufklärung der Missbrauchsfälle in verschiedenen Kinderheimen der Nachkriegszeit mitwirkte. Durch die Vernetzung der verschiedenen Erfahrungen ehemaliger Heimkinder wurden Erkenntnisse über Zusammenhänge ersichtlich, die bisher noch niemandem im Blick waren. Dass Kinderheime in Oberammergau, Feldafing, die Ausbildungsstätten in Vilshofen und Schloss Birkeneck oder das Kinderheim der Erlöserschwestern bei Würzburg sowie das genannte Kinderheim in Speyer in unterschiedlicher Weise miteinander verbunden waren, ergab sich aus den geschilderten Erinnerungen der Betroffenen. Es muss auf der Grundlage dieser Berichte von pädokriminellen Netzwerken ausgegangen werden.

Schwerster sexueller Missbrauch, ritueller Missbrauch, der Verdacht auf vielfachen Prostitutionshandel mit Heimkindern, Exorzismus, Einsatz von Drogen, Medikamentenversuche und brutalste, sadistische Folter, bei in Kauf genommener oder vielleicht auch gewollter menschlicher Entfremdung und emotionaler Verwahrlosung der Betroffenen waren den Schilderungen der ehemaligen Heimkinder gemeinsam.

Sehr bald nahm die Gruppe Kontakt zur Presse auf. Die Süddeutsche Zeitung (SZ), der Deutschlandfunk sowie der Bayerische Rundfunk (BR) wurden ständig informiert. Vor allem die Journalisten der SZ, mit denen verschiedene Treffen stattfanden, hatten sich für die Ergebnisse der Gruppe interessiert. Ihre mit der Gruppe durchgeführten Recherchen wurden im Januar 2021 in einem großen Artikel in der SZ publiziert. Seitdem sind viele weitere Artikel über die Missbrauchsfälle erschienen. Der BR hat bereits zwei Radiosendungen zum Thema ausgestrahlt; weitere Fernsehsendungen und Radiobeiträge sind in Vorbereitung.

Der Öffentlichkeit die für das Normalbewusstsein kaum zu fassenden Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu vermitteln, ist eines der Anliegen, das Adelante tatkräftig unterstützt. Darüber hinaus war und ist Adelante ständiger Begleiter ehemaliger Heimkinder, die sich zum Teil selbst kaum vertreten können. Presseartikel und Rundfunkbeiträge über ihr Schicksal führen auch zu unvorhersehbaren, vielseitig ausgeprägten Reaktionen bei den Betroffenen und ihrem Umfeld, die eine kompetente Begleitung erforderlich machten.

Im September 2020 klärten ein ehemaliges Heimkind und Herr Jaegers den Paritätischen Wohlfahrtsverband Bayern über die vielfältigen Missbrauchsgeschehnisse im ehemaligen Kinderheim für Sonderschüler „Haus Maffay“ in Feldafing auf. Nach dieser Aufklärung richtete der Paritätische Wohlfahrtsverband eine Aufklärungskommission ein und organisierte eine Mediation zwischen Verband und den Betroffenen. Die Missbrauchsfälle wurden alle von der Institution anerkannt. In der Mediation ist Herr Jaegers Betroffenensprecher, der die Anliegen der Betroffenen gegenüber dem Paritätischen Wohlfahrtsverband seit Januar 2021 vertritt.

Ein weiteres Feld des Engagements sind die OEG-Verfahren der Betroffenen. Es zeigt sich, dass Betroffene in Gutachten immer wieder diskriminiert worden waren, wichtige Details falsch interpretiert wurden oder erst gar nicht zur Sprache kamen. Auch die Auswahl der Gutachter, die normalerweise vom Sozialgericht vorgegeben wird, erwies sich als entscheidend für den Verlauf eines Verfahrens. Mit den Betroffenen Gutachten durchzusehen, ihnen die Sprache und die Bedeutung der Beurteilungen zu erklären sowie sie in emotionalen Krisen, die daraus entstehen können, zu begleiten, war und ist eine weitere Form der unterstützenden Arbeit durch Adelante. In Beratungen wurde auch ersichtlich, dass die Betroffenen an vielen Stellen des Gesundheitswesens unangemessen begleitet worden waren, was in manchen Fällen zu krisenhaften Retraumatisierungen führte.

Das umfängliche Verständnis von schweren Traumatisierungen durch mehrere Täter, an verschiedenen Tatorten und zu unterschiedlichen Lebensphasen ist unabdingbar, um die Betroffenen in ihrem Leid verstehen und mit ihnen Wege der Zuversicht beschreiten zu können. Die damaligen Opfer wurden oft um Sprache, Beruf und menschliche Einbindung gebracht. Ihnen heute das Gefühl zu geben, wahrgenommen, angenommen und begleitet zu sein, ist für Adelante e.V. der wichtigste Grund, sich für die ehemaligen Heimkinder zu engagieren. Dieses Engagement werden wir weiterführen und freuen uns dabei auch sehr über Spenden, die wir zur Unterstützung der ehemaligen Heimkinder einsetzen können.